Ich denke da speziell an interkulturelle Aspekte. In Ostasien spielen Hierarchien beispielsweise eine sehr viel größere Rolle als hier. Auch Beziehungen und Netzwerke haben eine große Bedeutung, die hier oft schon mit Korruption gleichgesetzt wird, dort aber zum sozialen Networking gehört.
Nun ist es ja leicht, andere Verhaltensweisen – wie zum Beispiel das Essen mit Stäbchen – zu akzeptieren, als tatsächlich andere Werte anzuerkennen.
Ist das überhaupt möglich, ohne die eigenen Werte aufzugeben? Oder kann man zwischen zwei Wertesystemen wechseln? Was ist eure Meinung dazu?
Ist Es Möglich, Gleichzeitig Verschiedene Werte Anzuerkennen?
– October 18, 2009Posted in: Asien Reisen

Also wenn Du das mit dem “gleichzeitig” im strengen Sinne meinst, wird es tatsächlich schwer, weil man sich in der Regel zu jedem gegebenen Zeitpunkt eben nur nach einem Wertesystem vehalten kann.
Das ein und dieselbe Person aber abhängig vom Kontext unterschiedliche Wertsysteme haben und befolgen kann, halte ich nicht nur für möglich, sondern sogar für ganz normal. Das machen die meisten von uns, nur ist es so normal, daß es uns nicht auffällt. Nehmen wir das Beispiel Hierarchien, das Du anführst. Für die meisten von uns ist es normal, in unserer Freizeit und im Umgang mit Freunden Hierarchien keine Bedeutung beizumessen. Genauso finden wir es selbstverständlich, daß in der Schule oder am Arbeitsplatz von uns die Berücksichtigung von Hierarchien erwartet wird.
Wir habe dabei nicht das Gefühl, daß wir das eine für das andere aufgeben oder das eine echt und das andere falsch ist.
Natürlich kann es auch Werte oder Wertsysteme geben, die man als so stark im Konflikt mit eigenen Grundüberzeugungen empfindet, daß man sie nicht übernehmen kann, aber da tickt auch jeder ein bißchen anders, bzw. ist jeder auch ein bißchen anders sozial geprägt.
Ich sehe da übrigens gar keinen so wesentlichen Unterschied zwischen Werten und Verhaltensweisen. Die beiden können auseinandertreten, also daß ich etwa eine Verhaltensweise mitmache, weil ich einsehe, daß ich sonst Probleme bekomme, obwohl ich sie eigentlich zutiefst ablehne. Dann habe ich das Verhalten übernommen, aber nicht die Wertorientierung. Aber ich kann entsprechend auch bei Werten die Werte eines anderen verstehen und bei meinen Handlungen berücksichtigen, auch wenn ich sie ablehne.
Was Du ansprichst mit dem Besipiel von Korruption contra soziale Beziehungen ist aus meiner Sicht noch ein bißchen ein anderes Problem, nämlich die Frage, was ich denn machen soll, wenn dasselbe Verhalten in dem einen Kontext, in dem ich stehe, erlaubt ist, in dem anderen aber nicht. Pragmatisch z.B. wenn ich Vertreter einer deutschen Firma in China bin. Wie kann ich mich dann so verhalten, daß sowohl meine deutschen Chefs als auch meine chinesischen Geschäftspartner mit mir zufrieden sind? Das kann tatsächlich die Quadratur des Kreises sein, aber gar nicht mal, weil das Individuum nicht in der Lage ist, verschiedene Wertsysteme zu verstehen und anzunehmen, sondern weil sich das Individuum zugleich nach beiden Maßstäben beurteilen lassen muß.
Falls Dich das interessiert, bringt Jürgen Bolten (z.B. in “Interkulturelle Kommunikation”) interessante Beispiele für solche Konflikte, gerade aus dem asiatischen Bereich. Auch sonst gibt es dazu eine Umfangreiche Literatur, aber Bolten ist das, was ich dazu aus eigener Lektür kenne.
Man kann, wie ich finde, zwischen zwei Wertesystemen unterscheiden, solange die Unterschiede nicht verschwimmen.
Man kann allerdings auch andere Wertesysteme für den Zeitraum, in dem man in einer Gesellschaft lebt, in der andere Gepflogenheiten gelten annehmen, um dort keine Restriktionen zu erleben, aber ich denke, dass irgendwann auch ein Punkt erreicht ist, an dem man sich denkt, wozu man das eigentlich alles macht, denn im Prinzip, denke ich, dass dadurch keine Annäherungen stattfinden können und so erstaunt es mich nicht, dass dann irgendwann auch die Grenzen verschwinden, man automatisch wieder seine eigenen Gewohnheiten aufnimmt und diese dann letztendlich von den Mitgliedern einer anderen Gesellschaft akzeptiert, wenn auch nicht gerne gesehen werden, aber trotz allem eben toleriert werden.
Das ist der Grund, warum sich eigentlich die ganze Welt immer weiter entwickelt, heute in der Zeit der Globalisierung mittlerweile sogar dermassen schnell, dass die meisten Menschen nunmehr kaum noch Schritt halten können, da die ursprünglichen Werte und Grenzen, die man gelernt hat eben nach und nach immer weiter verschwimmen.
Soll aber nicht heissen, dass man diese nicht wieder lebt, wenn irgendwann einmal wieder eine Rückkehr in die eigene Gesellschaft erfolgt.
Der Mensch lebt sozusagen von der Anpassung an seine Umgebung.
Wer sich nicht anpassen wollte, ging ja auch früher schon unter, denn sonst hätten wir hier noch die gleichen Sitten wie im Alten Rom, Griechenland, Ägypten oder bei den Germanen und Inka in Amerika.
Klar, viele Sitten und Gebräuche gehen leider auch mit dem Untergang der Völker leider verloren, wenn es keine Menschen gäbe, die sich eben um die Erhaltung bemühen.
Ein gutes Beispiel für diese Geschichte finde ich sind beispielsweise solche Glaubensgemeinschaften wie die der Amish und Mormonen, die sich darum bemühen, auch in der heutigen stark technisierten Welt immer noch ihren Stil leben.
Wären alle Kulturen geschlossene Systeme, die mit den jeweils anderen Kulturen überhaupt gar nichts gemeinsam haben, wäre das sicherlich schwierig.
Gott sei Dank ist die Weltgesellschaft aber kein Kulturenmosaik sondern ein Kulturennetzwerk, denn die meisten Kulturen haben bestimmte Grundwerte gemeinsam (keine Kultur ist begeistert vom Töten, keine Kultur ist für Respektlosigkeit gegenüber Eltern oä etc etc) – was sie miteinander verbindet.
Jedoch – was Kulturen unterscheidet ist, welche Prioritäten in Bezug auf diese Werte gesetzt werden, bzw in welcher Hierarchie die Werte angeordnet sind und wie intensiv sie “verfochten” werden.
Und in Hinblick darauf halte ich zwar das Anerkennen verschiedener Wertesysteme durch eine einzelne Person für möglich, aber auch für sehr schwierig, denn als einzelner Mensch ist man ja immer durch die Kultur geprägt in der man aufgewachsen ist und bewertet andere Wertsysteme und Kulturen dementsprechend immer nur aus einer subjektiven Perspektive.
Was mir zB auffällt: hatte gerade thailändische Gäste da – und da es in Thailand üblich ist, dass der jeweils Ältere das Sagen hat, wurde ich zB angemeckert, weil ich meiner jüngeren Cousine beim Abwaschen half, da diese, weil jünger mich bedienen muss.
Aus westlicher Perspektive kommt mir derartiges seltsam und ungerecht vor – tatsächlich aber ist es ein in Thailand gut funktionierendes System – die älteren kommandieren die jeweils jüngeren herum, dafür versorgen die älteren aber auch die jeweils jüngeren.
Oder: in Thailand ist immer alles auf Harmonie aus – wenn irgendjemand mal missgelaunt guckt, kommen sofort alle auf ihn zugestürmt und fragen was los ist – ist in Deutschland ja eher nicht der Fall. Dafür besteht in Thailand aber der Zwang möglichst schnell wieder gut gelaunt zu sein und keiner ist bereit sich intensiv mit den Problemen eines anderen zu befassen oder über Probleme zu sprechen, wie es zB in Deutschland der Fall ist.
Oder: ich glaube nicht, dass es möglich ist absolutes Gehorsam gegenüber Eltern und Älteren (thailändisch) mit dem Gedanken von Selbstverwirklichung und Individualität (deutsch) zu kombinieren.
Jede Kultur hat Vor- und Nachteile im Wertesystem, die zueinander gehören und nur schwer auf andere Kulturen übertragbar sind. Ich glaube, das einzige, was man erreichen kann, ist sich Mühe zu geben andere Kulturen weder zu glorifizieren noch zu verdammen sondern diese als Alternative zu sehen, bei der Grundlagen und Ziele die gleichen sind wie in der eigenen Kultur und nur die Methode um die Ziele zu erreichen anders sind.
Nimm einfach den Menschen so, wie er ist, was für Werte er haben mag, einfach nur Mensch.
(Das mit den Stäbchen ist eher unintelligent, nur auf China und Japan beschränkt) Südostasien, Korea bis Indonesien: Die essen mit Fingern und Löffel und Gabel! Wie der deutsche Griller ein Hühnchenschenkel auch verspeist! Also: da ist kein Unterschied!
Der Unterschied ist meist die Arroganz des Westeuropäers, der glaubt…
Hierarchien? Die sind in den “Kulturnationen” was das sein soll erklärt Frau Merkel und Ihr Freund G.W.B., zum Glück Privatier, aber am Ende: Asiatische Esskultur mit Stäbchen ist so dumm wie Hammelfleisch in D zum Sonntagsbraten! Idiotisch!
Nicht immer Vorurteile haben,,ohne Information!
Nun, über das Thema könnte man eine Menge kluger Dinge schreiben, letztendlich bleibt aber einfach die Faustregel “Wenn du in Rom bist, dann gib dich wie ein Römer” übrig. Die sozialen Strukturen in Asien und Europa sind so unterschiedlich, dass man nicht einfach die europäischen Regeln und Werte in Asien anwenden kann. Was für die eine Gesellschaft gut und richtig ist, muss es für die andere Gesellschaft noch längst nicht sein. Europa wurde zB durch Christentum und Aufklärung geprägt, China dagegen durch Taoismus, Konfuzianismus und nicht zuletzt auch durch den Kommunismus. Daraus ergeben sich nun einmal völlig unterschiedliche Strukturen, Man hat praktisch keine andere Wahl, als sie zu akzeptieren – es sei denn, du willst wie ein Kolonilalherr auftreten, Und das will nun heute wirklich kein vernünftiger Mensch mehr.
Nein, ich wechsle ja nicht zwischen verschiedenen Werten, ich behalte die meinen ja bei. Ich akzeptiere lediglich, dass mein Gegenüber ebenfalls Werte hat, die achtbar sind und verlange das Gleiche von ihm. In vielen Fällen wird es ohnehin zur Überschneidung kommen, so dass sich vielleicht aus einer Zusammenfügung ein neues, gewissermaßen weiterentwickeltes Wertesystem entwickelt.
Nachtrag: Zusammenfügung ist evtl. nicht ganz der richtige Begriff, eher Auseinandersetzung, also das alte Spiel von der These über die Antithese zur Synthese, was auch in einem Wertekanon funktionieren sollte.
ja ich glaube schon, den wen du deine eigenen Werte nicht wirklich aktzeptieren kannst, ist es auch schwieriger die anderen zu aktzeptieren. Es sei denn du gibst dich selbst auf und aktzeptierts nur die anderen werte, aber ob das langfristig gut geht ist eine andere frage…
Nein für denkende Menschen wird es schwierig. Nur wer in anderen Kulturen Geschäft machen will, muß sich den meist historisch
angelegten Gepflogenheiten anpassen, d.h. nach außen so tuen als ob man diese Werte mitträgt, ansonsten bekommt man keinen Fuß in die Tür.
Logisch!
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